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Im Taxi

2011-06-08 08:33 (Kommentare: 0)

Niemand ist näher am Puls der ägyptischen Gesellschaft als die 250 000 Taxifahrer Kairos. Sie können Geschichten erzählen und mit ihnen das Land und seine Leute besser erklären als jeder Reiseführer, Politologe oder Soziologe. Khaled El-Khamissi hat aus diesen Geschichten ein Buch gemacht, dass seit März in deutscher Übersetzung im Handel ist. Die 58 Taxi-Episoden geben einen tiefen Einblick in die ägyptische Gesellschaft und die miserablen Lebensbedingungen der einfachen ägyptischen Bevölkerung.

Das Buch erschien schon 2007 im Original und es ist eigentlich ein Wunder, dass es nicht zensiert wurde in Ägypten. Denn die Episoden erzählen von Armut, Polizeiwillkür, Korruption und Finanznot. Sie erzählen von einem durch und durch kaputten System. Für mich waren die Geschichten nicht neu, aber nie wurde so prägnant auf den Punkt gebracht – mit den Worten der Ägypter – woran das ganze Land krankt. Die Unzufriedenheit und tiefe Hoffnungslosigkeit der Menschen ist teilweise erschreckend und nirgends wird besser klar, warum die Ägypter Anfang des Jahres gegen das Regime auf die Straße gingen, warum das Maß plötzlich voll war. Es benötigte nur einen Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. El-Khamissis Dialoge machen das deutlich.

Für mich sind die Taxifahrer Kairos Segen und Fluch zugleich. Segen, weil es ohne sie (und ohne Auto) fast unmöglich wäre, von A nach B zu kommen in dieser Stadt. Fluch, weil es mit ihnen auch oft unmöglich ist. Sie rasen, mit voll aufgedrehter Musik- oder Koranbespielung durch die verstopften Straßen, was wildes Beschleunigen und Bremsen mit sich bringt, nehmen Übelkeitsanfälle der Gäste und Nervenzusammenbrüche nicht nur in Kauf, sondern überhaupt nicht wahr und scheinen im Allgemeinen wenig am Leben zu hängen.

Das kostet mich oft viel Energie (auch wenn ich sicherlich schon mit einer Reihe ganz entzückender Fahrer unterwegs war) und bringt regelmäßig die Beschwörung mit sich, nie wieder in einem ägyptischen Taxi sitzen zu wollen. Bis ich mich an Khaled El-Khamissis Geschichten erinnere und darüber nachdenke, was für einen Tag mein Fahrer wohl gerade hinter sich hat. Vielleicht saß vor mir ein korrupter Polizist im Wagen, der sich für lau durch die halbe Stadt kutschieren ließ oder der Fahrer verzweifelt darüber, wie er sein Taxi abbezahlen und dabei noch seine Kinder ernähren und in die Schule schicken soll. Das besänftigt mich sofort. Zumindest bis zur nächsten Kamikaze-Fahrt.

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